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"Topographie des Erinnerns" eine Ausstellung in der Stadtgalerie von Bad Schandau. Ausstellungsdauer : 16. Mai bis 24. Juni 2009. Öffnungszeiten: Donnerstag bis Sonntag von 14 bis 18 Uhr.
Text der Dresdner Kunstwissenschaftlerin Karin Weber zur Ausstellungseröffnung. Meine sehr verehrten Damen und Herren der frische Wind experimenteller Neugier trieb den realitätsnahen Romantiker Michael Lange (Jg. 1959) 2006 an die fremdartigen Gestade einer geheimnisvollen Glasmenagerie, deren ästhetische Qualitäten er fotografisch zu ergründen suchte. Und so verdrängte eine minimalistische Spiellaune seine barocken Talente sinnlich üppiger Dinginszenierungen, für die er bereits viele Liebhaber gefunden hatte. 2007 waren in der Galerie für Sächsische Gegenwartskunst im Kleinen Haus in Dresden seine Künstlerporträts zu sehen. Mit dem Blick des Fotografen wurden die Fremden zu Vertrauten. 2008 zeigte er dann in der Galerie des Neuen Sächsischen Kunstvereins seine Reiseimpressionen vom Roten Platz bis zum Platz des Himmlischen Friedens. Was Michael Lange auszeichnet ist, dass er nicht bloßstellt, sondern sichtbar macht. Nichts findet auf den Bildern zufällig seinen Platz. Mit unbestechlichem Blick spielt Michael lange mit Deutungen und Bedeutungen von Bildern. Er kennt die Kraft von Erinnerungswerten und gewinnt so, mit einem intuitiven Gefühl für die Stimmigkeit von Komposition und Kolorit, die emblematische Struktur von Metaphern, die über sich selbst hinausweisen. Nun stellt er uns die Topographie des Erinnerns vor. Das Koordinatensystem seiner sinnlichen Erkundungen innerhalb von Spuren der Vergänglichkeit, die die Zeit geschaffen hat. Manchmal treibt es uns an Orte zurück, die wir bereits mehrfach bereisten. Wir erliegen ihrem Zauber, verlieren uns an sie, weil sie etwas mit uns zu tun haben. -2-
Michael Lange folgte bereits dreimal den Spuren von Egon Schiele im tschechischen Czesky Krumlov/Krumau, der faszinierendsten Renaissance-Stadt nördlich der Alpen. Zuerst mit dem Maler Bernd Hahn, dann alleine. Inmitten der Touristen fühlte er sich auf der letzten Reise unbehaglich. Er spürte eine nicht versiegende Unrast. Musste zur Ruhe kommen, sich in die Schönheit, die er suchte, einsehen. Mit der Großformatkamera im Gepäck, die ungefähr 15 bis 20 kg wiegt, trieb es ihn mehrfach ergebnislos durch die Stadt, bis sein Blick von einer leicht bemoosten Kirchwand angezogen wurde… Sein Jagdinstinkt war geweckt. Mit zunehmender Freude und aufkeimendem, lustvollem Gespür für die Ästhetik morbider Lebens- und Zeitspuren durchmaß er die Stadt und wurde immer und immer wieder fündig. Wie in einem Rausch folgte er seinen bewussten und unbewussten Wahrnehmungen. Er dachte nur noch in Bildern, in spannungsvollen Kompositionen und sah alles im Panorama, im Ausschnitt, merkte sich die Koordinaten seiner Entdeckungen, um sie dann bewusst auch in Doppelbelichtungen zu überlagern. Er selektierte mit geübtem Blick, einem romantischen Impuls folgend Reklameschilder und Dinge und löste simple Motive heraus: durchnässtes Straßenpflaster und Sonnenflecke, ein Riß in der Fassade, Details von Elektrokästen, bröckelnder Putz, nahezu blinde Fenster, grafische Strukturen mit malerischem Effekt, ein kleiner Nagel an der Hauswand, der einen Fetzen Papier hält, eine pinkfarbene Wand. Fantasievolle Bildsensationen waren das Ergebnis dieser großartigen Denkleistung. Die lebendige Freude am Spiel mit Strukturen wird sichtbar. -3-
Maßvoll erfasste Michael Lange, wie in einem Kaleidoskop, faszinierende Momente seiner Wanderung durch eine Stadt, die, schauen wir uns die Aufnahmen genau an, überall gelegen sein könnte. Aus der Melancholie der Vergänglichkeit schöpft der Lichtmaler seine Bildgeschichten von Morgen- und Abenddämmerung, dem Spiel von Licht und Schatten auf den Hauswänden, den Spuren von hervorschimmernden Farbresten eine Scheinrustika, den Rudimenten gelebten Lebens. Manches erinnert an die durchleuchtete Glasmenagerie des Fotografen. Wie ein Archäologe legt er mit seinem Blick Schönheit von Details frei, die überlagert Ornamente bilden, abstrakte, malerische Kompositionen, Allegorien der Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart. Die Wachstafel, in die sich die Spuren der Erinnerung einschreiben, das Schatzhaus, in dem die Erinnerungsbilder eingelagert sind, bestimmen bis heute unsere Vorstellung vom Nutzen und Nachteil menschlicher Gedächtnisleistung. Dabei spielt die Einprägsamkeit eines Bildes eine große Rolle. Die Fotografien von Michael Lange erscheinen mir wie Orte, Gedächtnisorte, in denen Erinnerung lagert und in die sich Erinnerung auch zurückzieht. Sich zu erinnern bedeutet auch, sich zu suchen und dieser Prozeß mündet dann auch in die Melancholie der Endlichkeit. -4-
In den Fotografien von Michael Lange leben Himmel und Meer und Erde und alles, was ich von ihnen erfahren habe. Dort drinnen begegne ich mir selbst, erinnere ich meiner selbst und was und wann ich tätig war und was ich, da ich tätig war, empfand. Dort drinnen lebt vieles wessen ich mich entsinne, ob ich es nun selbst erfahren habe oder nur geglaubt. Und so verknüpfe ich Vergangenes mit dem Gegenwärtigen und denke mir kommendes Tun und kommendes Geschehen und Hoffnungen, als wären sie mir gegenwärtig. Und doch bin ich gewiß, dass ich, so unbegreiflich und so unerklärlich es auch sein mag, mich des Vergessens selbst erinnere. Groß ist die Macht des Erinnerns. Groß ist die Macht von Bildern, die uns zu erinnern helfen. Wahrscheinlich ist es der Bildklang, der uns berührt, eine Nähe, die man nicht erklären kann, eine Schönheit im Vergehen, die berührt. In gewissem Sinne ist Michael Lange ein Seher, da er der ewigen Gegenwart erlebter Bindung mit seiner Topographie des Erinnerns auf der Spur bleibt, in der Zuständlichkeit des Verschwindens... Das Foto bleibt, als Spur. Karin Weber

Fotograf Michael Lange, Schulweg 3, 01731 Quohren (bei Dresden), Telefon: +49 (0) 172 35 25 119, Telefax: +49 (0) 35 20 63 95 59, E-Mail: